
OT-Info:
Text: Jörg C. Lawrenz (2008), nach einer
Sage aus Südtirol |
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Die Sage vom Zwergenkönig Drungosch
Eine Sage aus dem Osten Magoniens


Vor langer langer Zeit, da herrschte hoch
oben in jenem Gebirge, das man Kapals Tränen nennt, der Zwergenkönig
Drungosch über sein Zwergenvolk. Das Reich war nicht groß,
aber die Zwerge waren fleißig und schürften im Inneren
der Berge nach Gold, Silber und Edelsteinen, so dass das kleine
Volk ob seines Reichtums sehr berühmt, der König bei manchen
sogar beneidet war. Doch nicht nur für diese Dinge war Drungosch
bekannt: Inmitten seines kleines Reiches lag, umgeben von grauen
Felsen, der wunderschöne Rosengarten des Königs.
Eines Tages begab es sich, dass der Baron am Balladir seine
bezaubernde Tochter Sigrun vermählen wollte. Alle Adeligen
aus der Umgebung wurden zum Ellyrisfest im Frühjahr eingeladen,
um an einer Fahrt auf dem Fluss teilzunehmen und beim Baron, dessen
Tochter und ihrem Verlobten zu weilen. An den wiederergrünenden
Ufern des Balladir sollte nach der Fahrt eine Feier stattfinden.
Nur König Drungosch erhielt keine Einladung. Als dieser von
der Feier hörte, war er sehr zornig auf die Menschen. Und so
beschloss er, als unsichtbarer Gast an den Feierlichkeiten teilzunehmen,
denn neben seinen Schätzen besaß er auch einige Gegenstände,
die seine Ahnen einst von mächtigen Zauberern erworben hatten.
Und unter diesen Schätzen befand sich auch ein Mantel, der
dem Träger Unsichtbarkeit verlieh. Drungosch verließ,
eingehüllt in den Mantel, das Gebirge auf seinem Pferd, und
als er am Festplatz des Barons angekommen war, war die Feier schon
im vollen Gange. Drungosch besah sich die Gäste, von niemandem
bemerkt, und er fand die Feier der Menschen recht langweilig. An
eine zwergische Feier reichte sie bei weitem nicht heran, so urteilte
er. Denn Zwerge verstünden zu feiern, wie es Menschen selbst
in Jahrhunderten nicht erlernen würden. Und so schritt Drungosch
weiter zwischen den Gästen umher. Schließlich
näherte er sich dem Baron und dessen Tochter. Als er jedoch
Sigrun erblickte, da verliebte er sich sofort in ihr schönes
Antlitz. Je länger die Feier währte, umso mehr war es
um das Herz des Zwergenkönigs geschehen. Er konnte es nicht
etragen, dass Sigrun bald einen anderen ehelichen sollte, und so
wartete er einen Moment ab, als die Tochter des Barons unbeobachtet
war und entführte diese kurzerhand. Drungosch setzte sie auf
sein Pferd und ritt mit ihr so schnell von dannen, dass sein Mantel
von seinen Schultern rutschte, und so waren er und seine Tat enttarnt.
Die Gäste waren entsetzt, und so gelang Drungosch mit Sigrun
die Flucht in sein Zwergenreich. Alsbald jedoch zogen
Sigruns Verlobter und dessen Ritter aus, um die Versprochene zurückzuholen,
und so drangen sie in das Zwergenreich ein. Schon bald standen sie
vor dem Rosengarten des Königs. Da band sich König Drungosch
seinen Wundergürtel um, ein weiterer mächtiger Schatz
seiner Ahnen, der ihm die Kraft von zwölf Männern verlieh
und stellte sich dem Kampf. Der Kampf währte drei Tage und
Nächte. Die Ritter jedoch kämpften sehr tapfer, und als
der König sah, dass er trotz allem ins Hintertreffen geriet,
da zog er seinen Tarnmantel über und sprang, unsichtbar wie
er nun zu sein glaubte, im Rosengarten hin und her, um so seinen
Gegnern zu entrinnen. Die Ritter indes, nach einem kurzen Augenblick
des Erstaunens, erkannten an den Bewegungen der Rosen, wo der Zwergenkönig
sich verbarg. Und so packten sie ihn, zerbrachen den Zaubergürtel
und führten den König in Gefangenschaft. Drungosch, erzürnt
über sein Schicksal, drehte sich um und belegte seinen einstmals
geliebten Rosengarten, der ihn verraten hatte, mit einem Fluch:
Weder bei Tag noch bei Nacht sollte jemals mehr ein Menschenauge
die wunderbaren Farben schauen, und so verwandelte sich der Rosengarten
zu Fels und Stein. Vom Zwergenkönig, seinem Reich und seinen
Schätzen und hörte man nie wieder etwas. Eines
jedoch hatte König Drungosch nicht bedacht: An Tag und Nacht
hatte er gedacht, die Dämmerung allerdings hatte er vergessen.
Und so kommt es, dass an manchen Tagen der verzauberte Garten seine
blühenden Rosen in ihren schönsten Farben erstrahlen lässt,
auch heute noch, für kurze Augenblicke nur, wenn man in der
Dämmerung hinauf zu jenem Gebirge blickt, das man Kapals Tränen
nennt.
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